Dorothee Elmiger: app: Einladung an die Waghalsigen: Roman
Autor:Dorothee Elmiger
ISBN 3832185313, Verlag: DuMont Buchverlag, 146 Seiten
Mehr Informationen zum Buch „app: Einladung an die Waghalsigen: Roman“ erhalten Sie
hier.
In den Stollen eines Kohlereviers ist vor Jahrzehnten ein Feuer ausgebrochen – und noch immer lodern unter Tage die Flammen. Margarete und Fritzi sind die übrig gebliebene Jugend einer verschwindenden Stadt. Ihr Erbe ist nichts als ein verlassenes Gebiet, in dem Verwüstung herrscht. Frühere Ereignisse sind nur bruchstückhaft überliefert. Doch die beiden Schwestern wollen diesen Zustand nicht hinnehmen. Entschlossen brechen sie auf zu einer Expedition, um ihre eigene Herkunft zu erforschen. Denn nur wer seine Geschichte kennt, kann sich eine hoffnungsvolle Zukunft aufbauen … Mit der Wiederentdeckung eines längst vergessenen Flusses wird für Margarete und Fritzi nicht nur ein neues Leben greifbar. Endlich gibt es auch einen Anlass, Einladungen für ein großes Fest zu verschicken: »Kommt auf euren Fahrrädern gefahren! Kommt auf euren weißen Pferden geritten!« »Dorothee Elmiger wagt das größte Abenteuer: jenes der poetischen Weltverwandlung. Ein Wunderwerk der Intonation!« Peter Weber
Rezensionen
Jan Füchtjohann (Süddeutsche Zeitung)
Finden Sie das blinde Pferd
„Ist das die Geburt eines Literaturstars?“, fragte der 3sat-Moderator noch in der Arena. Die 25 Jahre alte Schweizerin Dorothee Elmiger hatte beim Ingeborg-Bachmann-Preis gerade den zweiten Platz belegt. Nur Wochen später lag ihr Buch bereits in den Läden, Titel: „Einladung an die Waghalsigen“. Und los ging’s. Die FAZnannte „die junge und hübsche Schriftstellerin mit dem unverbrauchten, kecken und widerborstigen Auftreten“ ein „eigenwilliges, kräftiges Talent, das sich unerschrocken seinen Weg sucht“, die Zeit fand sie „geheimnisvoll, beunruhigend und spannend“, die Welt „bezaubernd, sensibel und lakonisch“. Positiv vermerkt wurde auch, dass ihre Hauptfiguren „an keiner Stelle nörgeln oder gar herumzicken“.
Ein bisschen verdient hatte Elmiger, die für ihren Roman inzwischen den Aspekte-Literaturpreis erhalten hat, das Blätterrauschen. Ihre 140 nur spärlich bedruckten Seiten wirken zart und zerbrechlich, niemand haut darin auf den Tisch oder gar auf den Putz. Statt die Einladung wahr zu machen und wirklich ein waghalsiges Buch zu schreiben, wurde lieber Ostereiersuchen für Literaturwissenschaftler veranstaltet: Der Text ist voller Zitate und Anspielungen zum Entdecken und Entschlüsseln. So finden die Heldinnen zum Beispiel ein blindes Pferd namens „Bataille“ (wie in einem Roman von Emile Zola), oder suchen einen Fluss namens „Buenaventura“ (wie in den sehnsüchtig falschen Nordamerika-Karten des 19. Jahrhunderts). Und dann auch noch ständig diese Landschaft.
Alles spielt in einem Niemandsland über einem stillgelegten Kohlebergwerk, durch dessen Stollen sich seit Jahren ein Feuer frisst. Alles ist verlassen, verwüstet und verödet. Noch stiller als die Luft steht nur die Handlung: Erzählen scheint in dieser unerträglichen Lethargie fast unmöglich geworden zu sein, lieber zitiert man Fachliteratur über Bergbau und Geologie. Während die eine Heldin schreibt, erkundet ihre Schwester zu Fuß die Umgebung. Sie ist auf der Suche nach einem magischen, irgendwann irgendwo ins Nichts versickerten Fluss. Der heißt in Wirklichkeit natürlich gar nicht „Buenaventura“ – sondern Lesefluss.
Vielleicht wäre es besser gewesen, das Feuer richtig anzufachen, anstatt nach Wasser zum Löschen zu suchen. Gut brennen würde zum Beispiel der Haufen Bezugstexte, der diesen „Roman“ unter sich begräbt. Bereits die allerersten Sätze (nach diversen Eingangszitaten natürlich) sind eine ironische Lüge: „Meinerseits war ich oft allein mit den Büchern. Mir war nichts anzusehen.“ Doch – genau das sieht man leider auf jeder Seite. Jahre ihres Lebens hat Elmiger in Literaturinstituten verbracht, zuerst in Biel, später Leipzig. Als wären das noch nicht genug Kunsthochschulen und Biotope für Künstler gewesen, ist sie dann auch noch nach Berlin gezogen.
Kein Wunder also, wenn sie vor lauter Büchern alles wüst und öde findet. Dass der Betrieb, dem es ebenso zu gehen scheint, sie jetzt auch noch mit Preisen überhäuft, ist wahrscheinlich eher eine Strafe als ein Glück. Es wäre Zeit, das Talent endlich raus zu lassen, wenn es denn wirklich so groß ist: Raus aus der Umarmung der Ahnen, der Onkel und der Tanten. Vielleicht gibt es ja tausend Texte, doch hinter tausend Texten gibt es auch eine Welt. Es braucht nur ein bisschen Waghalsigkeit, um sie zu entdecken.
Björn Hayer (Welt Online)
Wir befinden uns an einem Ort am Rande der Zivilisation. Endzeitstimmung macht sich breit in dem ehemaligen Kohlegebiet. Erzählt wird von einem "unwirtlichen Bezirk", wo die jungen Geschwister Margarete und Fritzi ihre Sommertage totschlagen.
Während die eine in dem Zimmer über der Polizeidienststelle ihre Zeit mit dem lethargischen Wälzen von Enzyklopädien und Büchern über Inseln im Atlantik verbringt, durchmisst die andere täglich erneut das kahle Land. Man wandelt zwischen Schlafen und Warten. Und gäbe es da nicht noch die zumeist rauchenden Polizisten Schroeder, Dünckel und Hell, die höhnisch das Treiben der letzten beiden Jugendlichen beargwöhnen, wäre man im Nichts begraben. Luft und Handlung stehen still. Mit einem Niemandsland haben wir’s zu tun, in dem man "jeden Zusammenhang verloren" hat. Doch gab es jemals ein Davor? Und gibt es überhaupt noch Hoffnung für diesen merkwürdigen Ort am Ende der Welt?
Dorothee Elmigers jungmeisterlich komponierter Debütroman "Einladung an die Waghalsigen", für den sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb prompt mit dem zweiten Platz, dem Kelag-Preis, ausgezeichnet wurde, formuliert wichtige Fragen in einem Raum, der eigentlich kaum Sprache zulässt. Worte dudeln hier nur immer aus dem Radio. Es sind Verkehrsmeldungen aus der Ferne.
Lebensmüde ziehen die Geschwister Stein, denen nur noch der Vater, Leiter dieser sinnlosen Polizeidienststelle im Nirgendwo, geblieben ist, durch eine "savannegelbe" Mondlandschaft. Mit Rucksack, Sporttasche und viel Kaffee folgen sie der vagen Spur nach "Immergrün". Sie suchen nach Antworten, fragen nach dem Woher und dem Warum, begehen die einsamen Wege, die ihnen die Fördergerüste weisen. "Und die Tage und Stunden zogen an mir vorüber, in einem unerhörten Gleichmaß", notiert Margarete, bis sie das verheißungsvolle Ziel auf einer historischen Landkarte entdeckt. Ein Keim von Utopie schimmert in der Tristesse.
Sein Name: Buenaventura - magisches Irgendwo, der Fluss ins heilige Land. Dass seine Existenz umstritten ist, scheint Margarete egal zu sein. Auf fast surrealen Pfaden lässt die 1985 in Appenzell geborene Dorothee Elmiger in erfrischender Bildlichkeit ihre beiden Mädchen skurrile Gestalten antreffen. Da sind der verschlafene Tankwart Ernst Thal aus Hasseldorf oder die vereinsamte Elisabeth Korn, deren dunkle Vorhänge die Außenwelt verbannen. Denn auch hier ist man müde. Die Hinweise, welche die Geschwister erhaschen, bleiben stets vage.
Dabei geht es für Dorothee Elmigers Figuren um viel: So steht am Ende nicht allein der Traum von einer neuen Welt, die jenseits einer in faden Brauntönen eingehüllten Wintersteppe liegen könnte. Vielmehr entpuppt sich der hochartifizielle Text als ein Sammelsurium feinster, existenzieller Untergrundtöne: Wer die mutige Reise nach Buenaventura unternimmt, fragt vor allem nach der eigenen Herkunft. Bemerkenswert, dass "Die Schwester Buenaventura Duruttis denselben Namen wie die Mutter trug". Aber "wo sind die Mütter?" - Sie sind fort, das Gestern scheint verschollen. Jedoch um eine Zukunft zu finden, muss die Vergangenheit erst ausgegraben werden, unter all dem von Menschen verursachten Kohleschutt. Karten müssen neu studiert, die Trümmer übergangen und die Langeweile endlich beendet werden.
Und während die Protagonistinnen hellhörig in den Versatzstücken von Gesprächen wühlen, streut Dorothee Elmiger Zitate von Robert Walser, Ferdinand Bruckner bis zurück zu Goethe als geheimnisvolle Spuren in den Erzählstrang. Kunst wird so zum Zitat. Die Vollkommenheit, die gänzliche Neuschöpfung von Sprachwelten ist jenseits gesetzter Wiederholungen in dieser entfremdeten Szenerie kaum möglich: So drehen sich auch die beiden "Deserteure" lange im Kreis. Immer wieder stellen sie die Frage nach dem mythischen Sehnsuchtsfluss, der Mutter und dem Quell, der Erlösung verspricht. Redundant wird "Einladung an die Waghalsigen" Roman aber dadurch keineswegs. Vielmehr ist die Handlung spiralenförmig. Vom erstickenden Null-Punkt windet sie sich empor zur Erfüllung, sobald Margarete und Fritzi die "Demarkationslinie" überschreiten. Beide werden unruhig, da niemand weiß, was dahinter sein wird.
Was noch pessimistisch beginnt, wird zuletzt zum verwirklichten Traum. Denn das Rinnsal Buenaventuras, das verlorene Paradies, ist gefunden. Die Revolution der Jugend, im Roman sinnbildlich mit Rosa Luxemburg und Friedrich Engels verbunden, siegt mit dem "Lied von den Hämmern" und dem Pflanzen von Orchideen. Indem Margarete und Fritzi die ihnen vorgefundene Restwelt neu gestalten, säen sie den Samen einer Zukunft, in der "mehrere junge Waghalsige" sogar auf einem Fluss nach China fahren könnten.
Bezaubernd, sensibel und lakonisch erhebt Dorothee Elmiger, ohne je in Dogmatik zu verfallen, den brisanten Anspruch der jungen Generation auf ein angemessenes Erbe der Welt und die Zuversicht, diese mit poetischer Waghalsigkeit neu entwerfen zu können. Nur selten klingt der inzwischen platte Ruf nach Generationengerechtigkeit so wahrhaftig, wie in Dorothee Elmigers parabelhafter Prosa. Obwohl die inzwischen in Berlin lebende Schweizer Schriftstellerin durchaus provokativ die Frage stellt, welche Verantwortung die Eltern für die Welt ihrer Kinder und Kindeskinder wahrnehmen müssen, lässt sie ihre Schwestern an keiner Stelle nörgeln oder gar herumzicken. Statt überholter Parolen entwickeln sie "Pläne, um Abhilfe zu verschaffen a.) unserm kümmerlichen Dasein und b.) diesem verkümmerten Abschnitt Land". Mit Buenaventura kommt auch der Sommer zurück und mit ihm im Gefolge eine ungekannte Brise von Sprache und Erwachen. Und die Lebensmüdigkeit? - Die ist dahin, versickert im Schluckloch, wo so lange der Friedhof der Wörter war. Die Sprache wird zurückerobert. Margarete und Fritzi sind so bewundernswert waghalsig, dass sie der Sprache neues Leben geben.
Dorothee Elmigers Roman ist ein schillernd-visionäres Befreiungsbuch, das verdichtet und verklärt, verwandelt und verzaubert.